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Requirieren war der vornehme Ausdruck für plündern. Also wanderten viele schöne Dinge, die die Deutschen zuvor in ganz Europa beschlagnahmt hatten und viele schöne Dinge, die die Deutschen rechtmäßig besaßen, nach Frankreich. Kaum waren die neuen Besatzer in Bernkastel angekommen, erschienen einige Soldaten in der Doctor-Weinstube, besichtigten alle Räume, besonders das Weinlokal, die Küche und den Keller und erklärten lapidar, dass die Doctor-Weinstube jetzt das Offizierskasino der „französischen Chasseurs“ sei.
Den drei Schwestern Popp mit ihren Kindern wollten nach Art der Besiegten die Sieger angemessen begrüßen, wurden aber sofort unterbrochen:
Sie haben bis heute Nachmittag 15.00 Uhr unser Offizierskasino zu verlassen. Wäsche und Bettzeug dürfen sie mitnehmen“.
Wir schnappten sprachlos nach Luft. Zu unserem Erstaunen schwebte Hehe mit einem Lächeln auf den Soldaten zu, der das meiste Lametta auf seiner Uniform trug und sagte in gebrochenem Französisch, aber in hinreißend charmanter Art:
“Ich schlage dem Herrn Offizier vor, dass wir die Bewirtschaftung ihres Kasinos für sie übernehmen. Wir sind ausgebildete Fachkräfte und unsere Kochkünste sind auch in ihrer Heimat sehr bekannt.
Studieren Sie unsere Gästebücher und sie werden viele prominente französische Namen finden.“
Der Offizier schaute sich im Kreise seiner Gefolgschaft um, dann nickte er und sagte: „Madame´, on est d´accord“.
Wir waren gerettet
  Im Handumdrehen begannen wir und ein paar gemeine Soldaten mit
dem Umbau der Weinstube. Die Tische und Stühle wurden in Hufeisenform aufgestellt und der Ofen angezündet. In der Küche wurde der große Kochherd angeheizt, Tischdecken aufgelegt, Servietten gefaltet und das Tafelsilber aufgelegt. Als alles fertig schien, stellten wir fest, dass das Kasino zwar betriebsbereit, dass aber nichts Essbares
im Haus war.
Hehe sagte zu ihrem Lieblingsoffizier, dass dies nicht der allerbeste
Start für ein Offizierskasino sei. Sie schlage deshalb vor, heute Abend einige sehr gute Flaschen französischen Rotweines zu öffnen, die bis jetzt in ihrem Keller geschlummert und auf kompetente Weinkenner gewartet hätten.
Die Herren Offiziere begrüßten den Vorschlag und verschwanden.
Nach kurzer Zeit kamen einige Soldaten an und brachten warme Baguettes, Flutes und große Stücken verschiedener Käse ins Haus;
viel zu viel für nur 20 Offiziere; unsere Stimmung wurde etwas positiver und der Hunger auf dieses weiße, duftende Brot immer quälender.
Am Abend erschienen alle Offiziere gleichzeitig in sauberen Uniformen, mit vielen Orden an der Brust und einer schwarzen Baskenmütze.
Die von Hehe gespendeten Rotweinflaschen standen auf einem Tisch
vor dem Präsidium. Nach dem Stühlerücken trat Ruhe ein und Hehe nutzte den Augenblick, um sich vor den Herren noch einmal als edle Spenderin zu präsentieren. Als sie ungefragt den Mund aufmachen wollte, erhob sich ein lautes, unwilliges Grunzen und sie wurde kurzerhand aus dem Saal gejagt. Dann erschien ein Offizier vor
der Tür und teilte uns mit, dass vor jedem Abendmahl der Offiziere
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