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eine traditionelle Zeremonie stattfinde, bei der kein Zivilist, erst recht kein Besiegter und auf keinen Fall eine Frau im gleichen Raum sein dürfe!
Wenn der Gesang verstummt sei, dann könnten auch Zivilisten den
Raum betreten. Es war ein elend langer Gesang, der jetzt begann und der einen Refrain hatte, bei dem die Herren Offiziere mit ihrem Essbesteck auf den Tisch und die Teller und die Gläser schlugen:

                              „ voilá, voilá, voila; chanson du soldat“

Bei ganz bestimmten Textstellen, lachten die Soldaten vielsagend und sehr laut.Tante Sisska lachte auch und erklärte uns , dass der Text so schweinisch wären, dass sie für diese Sauereien nicht einmal die passenden deutschen Wörter kenne. Nach ein paar Abenden Gesangsunterricht sang ich eine von mir erfundene französische
Fassung des Gesanges, bei der nur der Refrain ein wenig echt klang. Horst Ballmann und ich einigten uns darauf, dass es genügen müsse, wenn wir nur den Refrain auf der Straße sängen.

Ein hoher Offizier unseres Kasinos sprach darauf meine Mutter an und bat darum, dass ich dieses Lied nicht mehr singen soll. Als er hörte,
dass wir Masson hießen, fragte er, ob wir vielleicht sogar Hugenotten wären. „Ja, unser Name……“sagte Mutter Maria; und weiter kam sie nicht, denn der Offizier sah sie entsetzt an und meinte: „Dann ist es mir egal, was der Kleine singt“.
Tante Sisska erzählte Opa diese Episode und der lachte laut und meinte, dass die französischen Pfaffen anscheinend genau so gute Dompteure wären, wie ihre deutschen Amtsbrüder
  Das französische Kasino der Chasseurs entwickelte sich in kurzer
Zeit zu einem echten neuen Zentrum für Horst und mich. Die einfachen Soldaten schleppten jeden Tag feine Sachen aus ihrem Versorgungs-depot in unser Haus, andere Soldaten brachten riesige Kanister mit Rotwein und wieder andere Soldaten luden in unserem Garten alles ab, was sie im Städtchen und drumherum requiriert hatten.
Halbe Schweine, halbe Rinder und viele Hühner. Schweine und Rinder bearbeitete Hannes Rapedius. Das Schicksal hatte den Hannes in unsere Straße gespült und er entpuppte sich als gelernter Metzger, der jedes lebende Viehzeug vom Leben in den Tod befördern und in gutschmeckende, essbare Portionen verwandeln konnte. Aber er
konnte noch mehr. Hannes arbeitete abfallfrei. Das heißt: von einer Tierhälfte blieb nicht ein Gramm Abfall übrig. Das war für die Damen Popp ein wenig gewöhnungsbedürftig, weil Hannes auch die Hoden,
die Augen und die Sehnen und alle Innereien so bearbeitete, dass ihre Herkunft nicht mehr zu erkennen war.
Hannes Rapedius verwandelte diese unfeinen Teile zu wunder-schönen Würsten, Pasteten und Sülzen, die von den Herrn Offizieren
mit großem Lob bedacht wurden. Hannes und Hehe fütterten die Offiziere mit Vorspeisen wie Würsten, Pasteten und Sülzen so reichlich, dass die feinen Herren keinen richtigen Hunger mehr hatten und große Portionen des Bratens übrigblieben. Reichlich braune Soße verführte
die Herrn Offiziere auch zu einem übermäßigen Genuss von Weißbrot, was nicht nur gut schmeckte, sondern auch gut stopfte.
Die Knochen der Tiere wurden so lange ausgekocht, bis kein einziges Fettauge mehr auf der Brühe zu sehen waren.
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