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Arno, der mit dem Rücken zum Publikum saß, sah nicht genau, was
hinter ihm geschah. Er war zu sehr mit seiner Flasche beschäftigt und buchte den Beifall auf sein Konto. Nach dem dritten Offizier waren die drei Strophen des Liedes zu Ende und die Künstler begannen unter lautem Beifall mit der Wiederholung der „Stillen Nacht“.
Nach dem fünften Durchgang waren die Damen ziemlich am Ende mit ihren Nerven. Ihre Kleider waren pitschnass und sie standen in einer Champagner-Pfütze. Tante Hehe fing zuerst an laut zu weinen und wurde sofort von der Altstimme der Försterchristel begleitet.
Die Herren Offiziere begannen sich zu langweilen, weil alle Körperstellen inzwischen in Champagner gebadet waren und keine trockenen Stellen mehr zu finden waren. Außerdem spielte Arno inzwischen sehr eigenwillige und laute Notenkapriolen, die nicht mehr
zu der dramatischen Situation passten.
Der Herr Colonel hatte es schwer, aber er schaffte es sich durchzusetzen und erklärte das grausame Spiel für beendet.
Marlene und ich fanden den Auftritt der Künstler sehr erheiternd und verstanden gar nicht, warum unsere Mutter so wütend war.
Tante Nana lachte mit uns und gratulierte Arno wegen seiner geistreichen Klaviervariationen.
Arno profitierte am meisten von dieser Champagnerpolonaise,
die sich schnell im Städtchen herumsprach. Bei den Siegern und bei den Besiegten regte sich der Wunsch, mal wieder richtig zu feiern und zu tanzen und Arno spielte die Musik dazu.

  Überall und ganz zart flackerten kleine Hoffnungsschimmer und auf
einmal zeigten sich kleine, heimliche Schleichwege in die neue Zukunft.
Onkel Peter tauchte plötzlich und unerwartet auf. Er hatte in seinem Gefangenenlager einen amerikanischen Militärlastwagen nebst einer neuen Uniform gestohlen. Der Wagen war voll beladen mit sehr
begehrter amerikanischer Heeresverpflegung und Onkel Peter war
damit unangefochten quer durch Frankreich gefahren. In Bernkastel
hatte unerlaubt die Pontonbrücke überquert und den Lastwagen in
einer Bauernscheune im Hunsrück versteckt. Die nahe Zukunft
von Hehe und Onkel Peter war damit gesichert.
Hilde und Herr Zimmer fanden eine Gelegenheit, mit einem französischen Offizier ins Saarland zu fahren. Beide kamen von dort und sie wollten ihre gemeinsame Zukunft dort beginnen.
Mariechen Tenheil und ich trafen uns täglich im Kallenfelstal, wenn wir die Milch und die Butter vom Bergfried abholten und Mariechen gelang es bei einer Ruhepause hinter den Weinbergkreuz, mich über die anatomischen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen aufzuklären und mich damit nachhaltig für Mädchen und deren Details zu interessieren.
Mein Vater wurde von der Familie Gangler aus Metz in einem französischen Lager ausfindig gemacht und sie verbürgten sich für ihn. Auch uns schickte Herr Gangler einen Brief, in dem er meinen Vater
als einen anständigen Deutschen beschrieb, was er und viele andere Metzer Bürger gerne bezeugen würden. Leider deutete er in dem Brief auch an, dass mein Vater möglicherweise nicht ganz unabsichtlich
in die Gefangenschaft der Engländer geraten war. Als mein Vater
wenig später in Bernkastel erschien, rümpften selbst die französischen Offiziere im Kasino etwas die Nase.
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